Die Welt in 30 Jahren

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„Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“ Dieses Zitat stammt von Willy Brandt, und er hat es stets so gemacht. Heute machen das Politiker nicht mehr so oft, Unternehmer dagegen umso mehr. Dennoch beschäftigen sich Heerscharen von Wissenschaftlern und Experten damit, die Zukunft vorherzusagen. Die Szenarien und Prognosen, die sie seit Jahrzehnten schreiben, sind oft schon bald Makulatur. Viele dieser Prognosen sind bei näherem Hinsehen gar nicht dazu gedacht, tatsächlich die Zukunft „vorherzusagen“, sondern eine Politik zu legitimieren, die sich eine solche prognostizierte Zukunft wünscht. Dutzendweise wurden in den vergangenen Jahrzehnten Prognosen und Studien publiziert, die einen „ständig steigenden Energieverbrauch“ oder einen „ständig steigenden Verkehr“ prognostizierten – und doch nur die Funktion hatten, eine Politik zu legitimieren, die Atomkraftwerke und Autobahnen bauen wollte, aber nicht über Alternativen reden wollte. Man schafft sich seine „Sachzwänge“ selbst – oder frei nach Brandt: Man gestaltet die Zukunft, indem man sie so vorhersagt, wie man sie sich wünscht. Hauptsache, die Leute glauben es. 

Auch die „kritische Zivilgesellschaft“ veröffentlicht gerne Szenarien und Zukunftsstudien. Ein Meilenstein war das Buch „Zukunftsfähiges Deutschland“ im Jahr 1995, herausgegeben vom BUND und Misereor. Es war keine Prognose, sondern eher eine Wunschvorstellung – das wurde aber auch ehrlich eingeräumt. Es wäre vermessen gewesen, zu behaupten, so wie in dem Buch beschrieben, wird es werden. So etwas ist denjenigen in Politik und Wirtschaft vorbehalten, die (zurecht oder zu Unrecht) für sich in Anspruch nehmen können, die Macht zu haben, die Zukunft zu gestalten. 

„Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Dieses Zitat ist heute längst berühmter als sein Autor, der Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Darauf berufen sich naturgemäß all diejenigen, die etwas ändern wollen, und dafür auf eine Katastrophe verweisen können, die kommen wird, wenn man das nicht tut. Aber natürlich kann man das aus den unterschiedlichsten Richtungen tun: Der Klimawandel erzwingt die „Dekarbonisierung“ der Wirtschaft. Die Globalisierung erzwingt den Abbau des Sozialstaats und die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Das Insektensterben erzwingt das Verbot aller gefährlichen Pestizide. Ein drohendes Zukunftsszenario als Rechtfertigung für die Notwendigkeit einer Politikänderung hier und heute. Aus allen Lagern der Politik ein beliebtes Mittel zur Untermauerung der eigenen Position, oft genug auch völlig zurecht. Autoren wie Aldous Huxley und George Orwell haben ihre düsteren Zukunftsszenarien vor allem auch als Warnung geschrieben, so etwas in der Realität nie zuzulassen. 

Aber was für die einen Horrorszenario ist, ist für andere das Paradies. Die einen mögen eine durchtechnisierte Digitalzukunft, das per Geo-Engineering großtechnisch gemanagte Erdklima, die „gelenkte Demokratie“ oder den globalen Konkurrenzkampf aller gegen alle eine anzustrebende Positiv-Vision finden, schließlich haben auch ein solche Szenarien Gewinner. Andere finden das eher eine Horrorvision. Ansichtssache. 

Darüber lohnt es sich also zu streiten. Aber sind bessere Argumente genug, um eine andere Politik zu bekommen, wenn mächtige Interessen dem entgegenstehen? Wir alle wissen, dass das nicht so ist. Wie also gestalten wir die Zukunft, wenn bessere Argumente nicht reichen? „Recht haben ist nicht dasselbe wie Recht bekommen“, ein altes Sprichwort von zeitloser Wahrheit. Wie also Recht bekommen? Durch Beschwören einer negativen Zukunft, die kommen wird, wenn man nicht recht bekommen sollte? Durch das Versprechen einer wunderbaren Zukunft, wenn man doch recht bekommen sollte? Oder vielleicht doch besser, in dem man gar nicht so viel über die weit entfernte Zukunft redet, sondern lieber über das Hier und Heute? 

„Schöne Neue Welt“ heißt die Konferenz des Forums Umwelt & Entwicklung am 8./9.November, mit der wir diesen Fragen auf den Grund gehen wollen. Im Vorfeld dazu werden wir und viele Gastautoren uns auf dieser Webseite mit der Zukunft auseinandersetzen. Die Konferenz spielt in 30 Jahren, im Jahre 2048. 100 Jahre nachdem George Orwell sein berühmtes Buch „1984“ veröffentlichte. Wie wird die Welt dann aussehen? Sie könnte so aussehen, wie wir uns das wünschen, unser „Plan A“ – aber wenn die nächsten 30 Jahre genauso laufen wie die letzten 30 Jahre, dann würden wir das wohl eher „Plan B“ nennen. 

Darüber kann mal viel fantasieren, viel spekulieren, natürlich auch argumentieren und prognostizieren, aber letztendlich müssen wir konzedieren: wir wissen es erst, wenn es soweit ist, denn hinterher ist man immer schlauer. Deswegen ist das Wichtigste bei dieser Konferenz und auch bei den Diskussionen auf dieser Webseite im Vorfeld nicht die Frage, wie die Welt 2048 wohl aussehen wird, oder ob sie bis dahin vielleicht sogar schon untergegangen sein wird. Vielmehr ist die spannende Frage, warum es so gekommen ist. Warum hat sich Plan A durchsetzen können, was waren die strategischen Weichenstellungen? Oder warum hat es nicht geklappt, welche Fehlentscheidungen waren die Ursache, dass am Ende doch eher Plan B die Realität des Jahres 2048 bestimmt? Begleiten Sie uns auf dem spannenden Weg ins Jahr 2048, auf dieser Webseite und auf der Science-Fiction-Konferenz des Forums Umwelt & Entwicklung. Wir versprechen Ihnen: wenn Sie diese Zeitreise antreten, bekommen Sie auch ein Rückfahrticket. Damit Sie die gemachten Erfahrungen auch anwenden können, wenn Sie wieder zurück im Jahr 2018 angekommen sind. 

Jürgen Maier

Geschäftsführer des Forums Umwelt und Entwicklung

Jürgen Maier